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Der Rote Hahn


Reiseberichte

4.August 99
Start mit Hindernissen
Das Begleitauto steht noch in der Werkstatt, und wir warten auf seine Fertigstellung. Eigentlich wollten wir(Claudia und Johannes aus Berlin) heute schon in Cochem eintreffen, doch das wird sich nun leider verschieben.
Wegen der Kosten werden wir unsere Reiseberichte nicht täglich aktualisieren, sondern immer nur dann, wenn wir einen Telefon-Festanschluß in Reichweite haben, also vermutlich alle drei oder vier Tage.

11.8.99
Heute ist Mittwoch, und wir haben drei wundervolle Tage auf dem Fahrrad hinter uns und ruhen uns nun im Riethenberghaus aus. Die Zeit in Cochem war voller Menschen und Aktionen, und sie war eine gute Zeit. Am Freitag den 6.8., dem Hiroshima-Tag, sind wir mit dem Fahrrad von Cochem 15 km steil bergauf nach Büchel gefahren. Dort haben wir zusammen mit der Gewaltfreien Aktion Atomwaffen Abschaffen, den FriedensreiterInnen und IPPNW eine Kundgebung direkt vor dem Eingang des Fliegerhorstes, in dem Atomwaffen lagern, abgehalten. Die FriedensreiterInnen haben ihr Straßentheater aufgeführt, , White Man Molle und David aus den USA haben die Veranstaltung musikalisch begleitet. Die einzelnen Gruppen haben sich vorgestellt, und wir haben mit allen zusammen in einem riesengroßen Kreis den Ulmentanz getanzt. Es war schön - es war ermutigend.
Johannes

Nachtrag 8. Aug. :
Nach dem Abschied von den Menschen in Cochem radeln wir- 13 Menschen-an der Mosel entlang Richtung Koblenz. Uns haben sich noch drei Menschen angeschlossen: Hildegard, Ulla und Martin. Sie werden ein Stück mit uns fahren. Das Wetter ist sonnig, heiß bis schwül und wir proben, wie wir am besten in der Gruppe fahren: Die Schnellen nach vorn oder nach hinten? Immer mal wieder halten wir an; als Inges Rad schließlich mit Hilfe einer Luftpumpe „gedopt" wird, ist sie nicht mehr zu halten. -Wir kommen nach ca. 62 km in Koblenz an, wo uns auf dem Campingplatz am Deutschen Eck unser Begleitfahrzeug und seine Insassen, Frederik, Yara und Hildegard, erwarten, die uns bereits ein Essen vorbereitet haben. Aber wir zu k.o. und verschwitzt, sorry.
Zelte aufbauen, danach versammeln wir uns im Kreis, machen eine Steinrunde (Litty): Wie geht es dir? Wie hast du den Tag erlebt? Was steht am nächsten Tag an?
Abends gehen wir noch an den Rhein, einige von uns singen , unter anderem „The river is flowing". Andere suchen sich einen dicken Baum um auszuruhen .

9. August:
Früh aufstehen, unter den Bäumen schenkt uns Elke eine Yogameditation , das Wetter ist wieder wunderbar und Johannes hat Geburtstag. Heute ist auch der Jahrestag von Nagasaki, dem wollen wir auch im Laufe des Tages gedenken. Wir kommen etwas später los als geplant, es ist schon nach zehn und wir wollten schon um 9.00 Uhr weg sein. Mit einer kleinen Fähre setzen wir über die Mosel, finden dann irgendwann durch Koblenz hindurch den Weg am Rhein entlang. Schließlich gelangen wir auf den Fahrradweg an der Lahn, der zauberhafter nicht sein kann. Bis Limburg wollen wir heute kommen (ca 50 km), von dort aus mit der Bahn nach Hanau, wo uns die Robin Wood Leute erwarten.
Auf dem Bahnhofsvorplatz in Balduinstein werden wir wieder von unseren guten Geistern des Begleitfahrzeugs versorgt. Dort finden wir endlich auch den Platz für einen Kreis, um uns an Nagasaki zu erinnern. Es ist heiß und der Ort ist profan und sehr einsehbar, mein Bedürfnis nach einem „geeigneteren" Ort, in der Natur, vielleicht unter Bäumen, wischt Claudia mit der Bemerkung, „so ist das Leben oder das ist die Realität" weg -und sie hat recht.
Sam, unsere australische Mitfahrerin, hat ein Stück Stoff dabei, das- wie sie erläutert - aus Nagasaki komme und am Tag des Bombenabwurfs hergestellt sei. Wir stehen im Kreis, lassen das Stoffstück kreisen, betrachten es still, es ist farbenfroh bunt, hat auf rotem Grund stilisierte Blumen und Ornamente, spüren und horchen. In der 2. Runde versucht jede/r einen Wunsch, einen Gedanken auszusprechen.
Dieses kleine Ritual , das wir mit einem stillen Handkreis beenden, hat bei mir eine große Wirkung.
Danach verabschieden wir Martin Otto, der von seiner Familie gebraucht wird. Schön, dass er uns eine Weile begleitet hat.
Weiter geht’s nach Limburg. Nachdem uns ein freigiebiger Gärtner dicke schwarze süße Brombeeren über den Zaun gereicht hat, endet kurz darauf unsere idyllische Fahrt. Wir tauchen ein in laute , stinkende Stadtstraßennormalität. Ich bin fix und fertig, als wir am Bahnhof ankommen. Fahrt nach Hanau.

Wir werden von Angelika Gunkel, unserer Kontaktfrau in Hanau, begrüßt. Sie fährt vor uns her zum Öko-Büro, wo uns Horst Gunkel mit einem wunderbaren Essen erwartet. Die beiden gehören Robin Wood an und vielen weiteren Organisationen , wie sie später erzählen. Mit ca 12 anderen Organisationen/ Vereinen , die sie teilweise mitgegründet haben, teilen sie sich das Öko-Büro, haben einen großen Versammlungsraum, ein Büro und sie bieten uns für diese Nacht Schlafplätze, Horst sogar seinen eigenen. Die beiden sind ein perfektes Team und großzügige Gastgeber. Vielen Dank. Um 21.00 Uhr treffen wir uns, um den nächsten Tag, die Aktion zu besprechen. Trotz allgemeiner Müdigkeit geht es erstaunlich leicht. Danach erzählen Angelika und Horst aus ihrer Geschichte, wir müssen oft lachen . Sie sind einfach klasse und vermitteln vor allem das Gefühl, dass es ihnen gelungen ist, das landläufige Gefühl des „ich kann sowieso nichts ändern"erfolgreich zu besiegen. Altaktvisten sind sie, kampferprobt im Widerstand und dabei humorvoll und ermutigend.
Schließlich berichtet Ulla uns noch von ihren Erfahrungen, ihrem Wissen mit und über Blockheizkraftwerke, engagiert und sehr kompetent. Es geht darum atomfreien Strom dezentral herzustellen und die Abwärme zu nutzen. Sie hat dies bereits in ihrem eigenen Mehrfamilienhaus verwirklicht und wirbt für die Verbreitung dieser Technik. Die Anlage kann im Keller jedes Hauses stehen und ist so groß wie zwei Waschmaschinen nebeneinander. (Weitere Informationen dazu bei den Elektrizitätswerken Schönau, Tel.: 07673/ 931578 oder 931559)
  Man kann kaum glauben, wie lang so ein Tag sein kann.

10. August:
Früh aufstehen, packen und auf die Räder in Richtung Nukem Alkem, dem Brennelementewerk. Unser Aktion hat folgenden Ablauf :
Zunächst bereiten wir den Platz vor, indem wir die mitgebrachten Transparente aufhängen, auch das wunderschöne von den FriedenreiterInnen. Wir stellen uns auf dem Parkplatz im Kreis auf, Angelika begrüßt uns, dann erläutern wir unsere Beweggründe für den atompfad und sagen etwas zu den einzelnen Stationen der Reise. Danach sprechen Angelika und Horst im Erzähldialog: ihre persönliche Geschichte auf dem Hintergrund von Nukem Alkem, das als das Herz der deutschen Atomindustrie bekannt war. Viele, viele kleine und große Aktionen und Schritte waren nötig, bevor das Werk stillgelegt wurde. Viele Menschen und Gruppen waren beteiligt. Jahrzehntelange Arbeit von genau solchen Leuten, wie Angelika und Horst. . Xeto lässt in den Sprechpausen die Glocke der Achtsamkeit ertönen, wir halten inne. Es passt zu dem Grundtenor „Stilllegung- Hanau macht den Anfang". Eduard, ein weiterer Altaktivist u.a. vom BUND hält anschließend eine kämpferische Rede: Wir lassen uns nicht unterkriegen ! Er übergibt uns noch 100 DM als Spende in die Klangschale.
Es sind einige Journalisten da, zwei Polizisten stehen beobachtend und unser Treiben bewachend nebenan, das Wachpersonal betrachtet uns von der anderen Seite des Schutzzauns. Wir beenden unsere Aktion mit dem Ulmentanz, erinnern an die Menschen von Tschernobyl und Novosybkov, denen zu Ehren wir ihn tanzen. Abschließend bemalen wir ein Stofftransparent, hängen es zum Trocknen an den Zaun, fragen den Wachmann, obs denn noch eine halbe Stunde da hängen bleiben kann und überreichen ihm ein Faltblatt vom atompfad. Dann brechen wir auf. Es war für mich eine kleine, dichte und gelungene Aktion. Wieder bin ich froh, dass wir uns die Zeit für diese Reise genommen haben, ein Luxus, den wir uns leisten. Danke euch/ uns allen. Waltraud

Weiter geht es mit der Bahn. Eigentlich wollen wir in Friedberg aussteigen, doch dort erwartet uns strömender Regen. Alle Räder raus aus dem Zug - nachdem einige schon klatschnaß sind, entscheiden wir wieder einzusteigen und eine Station weiterzufahren. Dort erwartet uns herrlicher Sonnenschein und der Weg ist etwas kürzer. Erschöpft und glücklich kommen wir recht spät im Riethenberghaus an. Es fühlt sich an, als ob wir aus der Wildnis wieder in der Zivilisation angekommen sind. Richtige Betten und schöne Duschen - herrlich. Frederik und Yara entschließen sich noch um 23.00 Uhr, Richtung Karlsruhe zu fahren, um dort am nächsten Tag die totale Sonnenfinsternis zu erleben.

11.August:
Ausschlafen und dann gehen wir gemeinsam auf den Schwitzhüttenplatz , um die Sonnenfinsternis zu beobachten. Immer wieder zeigt sich die Sonne hinter den Wolken, und es ist gut zu verfolgen, wie sich der Mond vor die Sonne schiebt. Dann fängt es an, dämmrig und still zu werden. Es ist beeindruckend, das zu erleben. Wir sitzen und schweigen.
Am Nachmittag steht Garten- und Hausarbeit im Riethenberghaus an. Am Abend gehen einige von uns in die Schwitzhütte. In völliger Dunkelheit, schwitzend und nackt auf unserer Erde - eine für mich neue, bereichende aber auch noch fremde Erfahrung.

12.August
Ein weiterer freier Tag im Riethenberghaus - einige schauen sich den Videofilm über den Einsatz und die Folgen von Waffen mit abgereichertem Uran an. Großes Entsetzen, auch weil diese Berichte im Fernsehen bereits 1995 gesendet wurden, aber auch von uns nicht wahrgenommen worden sind. Es erscheint uns unglaublich, dass der Grüne J.Fischer diese Waffen als völlig harmlos verteidigt hat. Auch die ganze Argumentation der Nato bezüglich der Verteidigung der Menschenrechte im Kosovo ist völlig haltlos, wenn jetzt weite Teile des Landes mir Uran verseucht sind und die Menschen dem dort schutzlos ausgeliefert sind. Die Berichte aus dem Irak, wo die gleichen Waffen verwendet wurden, lassen Schlimmes für die Gesundheit der Menschen im Kosovo befürchten. Betroffen werden die Einwohner, aber auch die dort stationierten Soldaten sein.

13.August:
Wir fahren mit der Bahn nach Burgsteinfurt und weiter mit den Rädern nach Gronau. Dort werden wir von Udo erwartet. Udo ist seit vielen, vielen Jahren im Widerstand aktiv und zur Zeit einer von drei Aktiven in der Bürgerinitiative. Er hat uns in einem ehemaligen Kindergarten und jetzigen Jugendzentrum untergebracht. Am Abend findet in einer Gaststätte eine Informationsveranstaltung zum Uranabbau in Australien statt, an der neben BI-Mitgliedern hauptsächlich noch Menschen der BI aus dem benachbarten Holland kommen. Sam, atom-pfad- Mitfahrerin aus Australien, berichtet über den Widerstand gegen den Uranabbau und das geplante riesige Atommülllager.

14.August:
Es regnet in Strömen und wir entscheiden, nicht mit den Fahrrädern; sondern mit der Bahn nach Ahaus zu fahren. Dort findet mit der BI Kein Atommüll in Ahaus ein Infostand statt. Aber der Regen hört nicht auf und deshalb ist auch die Resonanz bei den wenigen, die vorbeieilen, nicht sehr groß. Nicht nur die BI hat ihren Stand aufgebaut, sondern auch eine Initiative, die ein Wandbild in Ahaus, in Zusammenarbeit eines deutschen und eines australischen Künstlers plant. so ist das Thema Uranabbau in Australien auch hier präsent. Die Künstler sind interessiert, es gibt mindestens eine geeignete Wand und Zusagen für Unterstützung, wenn das Projekt läuft - "lediglich" das Geld für den Start fehlt noch.
Die Stände sind abgebaut, und der Regen hört auf. Wir werden zu einem üppigen zweiten Frühstück eingeladen und haben Gelegenheit, uns mit Mitgliedern der BI auszutauschen. Es ist faszinierend und beeindruckend, zu erleben, wie der Widerstand zu ihrem Leben gehört. Erzählungen über die Arbeit der Bürgerinitiative, über die Ereignisse beim Castortransport, über die Kinder und den letzten gemeinsamen Theaterbesuch gehen ohne Trennlinie eineinander über.
Zum Abendessen haben wir Udo eingeladen, spätabends kommen Kerstin und Roland an und verstärken unsere zur Zeit sehr kleine Gruppe. Die Willkommensrunde - zum erstenund bisher (23.8.) mal ausschließlich auf Englisch - zeigt wieviel wir schon erlebt haben. Alle haben das Gefühl, schon ewig unterwegs zu sein.

15.August
Um 12 Uhr findet eine Kundgebung im kleinen Kreis und wieder im Regen vor der Urananreicherungsanlage in Gronau statt. Wir sind entsetzt über die Erweiterungspläne - die Anlage hat im Moment eine Kapazität von 1000 t, die Erweiterung auf 1800 t findet derzeit statt und ein weiterer Ausbau auf insgesamt 4000 t ist geplant. Des weiteren ist ein Lager für 50.000 t abgereichertes Uran beantragt. Das bei der Anreicherung anfallende abgereicherte Uran wird zur Zeit nach Rußland verkauft, dort teilweise wieder auf den natürlichen Wert angereichert, nach Gronau zur Weiterverarbeitung geschickt, und der Müll, der dabei produziert wird ... absurdes Theater, leider aber Realität. Auf der anderen Seite der Grenze in Holland steht eine vergleichbare Anlage, deshalb sind auch wieder Mitglieder der dortigen BI dabei.
Wir radeln zusammen nach Ahaus zu dem dort stattfindenden Kinderfest. Die BI in Ahaus hat statt des regelmäßigen Sonntagsspaziergangs diesmal ein Kinderfest organisiert. Auf dem Weg fahren wir an dem Atommüllager von Ahaus vorbei, begleitet von einem Polizeiwagen. Die Polizisten wissen, wohin wir wollen, und zeigen den Nachzüglern den Weg.
Das Kinderfest ist gut besucht, und der Regen hat inzwischen auch aufgehört. Ein wildes Transparent entsteht, gemalt von den Kindern von Ahaus, das uns wie so viele andere auch auf unserem weiteren Weg begleitet. Auch auf dem Rückweg, diesmal mit Rückenwind, werden wir von ortskundigen BI-Sympathisanten auf schönen Radwegen nach Gronau zurückgeleitet. Udo und wir (die atom-pfad-Gruppe) verbringen den Abend wieder gemeinsam, sozusagen im Familienkreis. Wir fassen ein gemeinsames Feuergruppentreffen fürs nächste Jahr ins Auge, und Udo klärt bereits am nächsten Tag alles Notwendige bezüglich der Räumlichkeiten.

16.August:
Weiter geht es per Rad nach Lingen. Udo begleitet uns noch zwei Stunden und zeigt uns seinen Lieblingsplatz am Rande eines Heide- und Moorgebietes. Dann nehmen wir endgültig Abschied.
Schon weit vor Lingen werden wir unauffällig von einem Bundesgrenzschutzbus begleitet. Später wechselt das Fahrzeug und als wir bereits an dem stillgelegten Block 1 und dem noch in Betrieb befindlichen Block 2 vorbei sind, werden wir von dem Polizisten sehr freundlich darauf hingewiesen, daß dies nicht der richtige Weg zum Eingang des AKW ist. Doch dorthin wollen wir auch nicht, denn wir sind um 16.00 Uhr mit der BI in Lingen auf dem Marktplatz verabredet und treffen dort pünktlich mit dem 4-Uhr-Läuten ein. Ausgehungert machen wir uns über die Brötchen her, doch sie werden beim besten Willen nicht alle. Eigentlich sollte hier heute noch eine zweite Anti-AKW-Radtour entreffen, die aber nun erst morgen eintreffen wird. Der Austausch mit den Menschen der BI ist recht kurz, denn kurz von 18.00 Uhr geht unser Zug nach Oldenburg. Trotz der Kürze der Zeit kommt es zu einem intensiven Austausch. Außerdem entrollen wir noch einige Transparente, da BI-Mitglieder bereits ein Transparent mit aktuellem Bezug zur Situation in Lingen gemalt haben. Bundesweit ist Lingen das erste AKW, das einen Antrag für ein Zwischenlager gestellt hat und jedeR kann bis September noch Einspruch einlegen. Vordrucke gibt bei der BI oder über uns. Erschreckend ist die Information, daß die Kapazität des beantragten Zwischenlagers für über 50 Betriebsjahre reichen würde.
Müde treffen wir in Oldenburg ein und werden von der Friedensgruppe am Bahnhof empfangen. Quartiere werden verteilt und wir nehmen voneinander Abschied für diese Nacht. Es ist nach vielen gemeinsamen gelebten und sehr ereignisreichen Tagen mehr Abschied als nur für eine Nacht. Es wird deutlich,daß wir alle eine große Gemeinsamkeit empfinden.

17.August:
Freier Vormittag bis kurz vor 15.00 Uhr. Dann treffen wir uns in einem Cafè am Markt und machen eine Runde. Abschied und Ankunft stehen an. Kerstin und Roland werden uns in Oldenburg verlassen. Beate, eine Kamerafrau die einen Film über den Atompfad machen will, wird uns hier in Oldenburg und dann in Hamburg und Tespe begleiten. Viel Zeit ist es wieder nicht, die wir füreinander haben, dann werden wir erst nochmals von der Friedensgruppe begrüßt. Anschließend gehen wir gemeinsam zu dem offiziellen Empfang der Stadt Oldenburg durch den zweiten Bürgermeister. Die Ansprache des Bürgermeisters läßt keine Wünsche offen und wäre sicher von der Mehrheit der Anwesenden unterschrieben worden - Friede, Völkerverständigung ...und eine Zukunft ohne Atomtechnik! Dank auf allen Seiten und die Presse knipst dazu. JedeR kann sich noch in das Gästebuch der Stadt Oldenburg eintragen und es wird Sekt und Saft gereicht.
Während des Empfangs wird auf dem Marktplatz die Pflastermalerei vom Hiroshima-Tag erneuert und anschließend überreicht uns die Friedensgruppe noch ein Transparent mit dem gleichen Motiv. Wir entrollen wieder unsere Transparente und ziehen mit ihnen durch die Fußgängerzone und verteilen Flugblätter.
Regina Hagen hält am Abend einen Vortrag über den Vorbeiflug der Sonde Cassini. Die aktuelle Situation ist bedrohlich, doch das noch Geplante ist weitaus bedrohlicher. Strategie der USA ist es, den Weltraum militärisch zu beherrschen und von dort auch jederzeit und überall eingreifen zu können. In diesem Zusammenhang machen auch solche Sonden wie Cassini Sinn, da ihr plutoniumbetriebenes Versorgungsmodul über lange Zeiträume wartungsfrei und mit hoher Zuverlässigkeit arbeitet.

18.August:
Es geht mit dem Zug weiter nach Hamburg. Dort werden wir von der IPPNW bilderbuchmäßig empfangen: mit einem Schild "IPPNW grüßt die Anti-Atom-Radler", mit Sonnenblumen und Windmühlen, die seitdem unsere Räder schmücken, und mit kleinen Negerkuß-"Atommeilern zum Vernichten". Im Trubel bleibt kaum Zeit, wahrzunehmen, daß Charlotte und Jochen zu uns stoßen, und sie zu begrüßen. Es ist viel Presse da. Wir tanzen auch hier den Ulmentanz: auf dem Bahnhofsvorplatz, mitten im Trubel der Ankommenden und Abfahrenden, beobachtet und fotographiert von diversen Journalisten. Eine eigentümliche Situation, nicht für alle gut und stimmig. (Aber zumindest wissen wir jetzt, wie sich die Tiere im Zoo fühlen...).
Anschließend findet eine Pressekonferenz zum Thema Cassini statt. Die Sonde ist zum Glück ohne Unfall an der Erde vorbeigeflogen. Regina Hagen ist noch bei uns und kann kompetent und überzeugend Auskunft geben. Sie fand die Begegnung mit uns ermutigend und würde gern wieder etwas mit uns zusammen machen.
Nach all der Hektik und Schnelligkeit ist es schön, in unserem Tempo, mal mit, mal gegen den Wind, an der Elbe entlang nach Tespe zu radeln. Dort angekommen, erwartet uns ein Grillabend mit Mitgliedern der BIs Tespe und Geesthacht. Ein Wolkenbruch zwingt uns zum Umzug nach drinnen, wo wir eine Vorstellungsrunde machen, an die sich ein Bericht über den atom-pfad anschließt. Erschöpft und müde fallen wir in den Privatquartieren in die bereits gemachten Betten.Claudia und Johannes
"das hätte ich nicht gedacht, daß wir überall so herzlich aufgenommen werden und anlaß für ermutigung, aktionen und feste sind ! und ich habe viel freude daran zu sehen,, wie viel wenige menschen, die nicht aufgeben, die dabei bleiben über jahre, erreichen können ! ich begreife, wie wichtig - und auch oft ermüdend und frustierend - dieses "wächteramt" ist !" Inge

19.August:
Wir beginnen nach dem Frühstück gemeinsam mit einer Gruppe von Anti-Atom-Aktivisten aus Hannover und BI-Mitgliedern und Sympatisanten einen Spielplatz aufzubauen. Es macht allen großen Spaß, auch wenn es zwischendurch heftig regnet. Mittags gibst eine warme Suppe und eigentlich soll gegen 14.00 Uhr alles fertig sein. Doch trotz intensiven Einsatzes aller Beteiligten buddeln, hämmern und schrauben wir bis abends um 21.00 Uhr. Am Nachmittag findet bei strahlendem Sonnenschein am gleichen Platz ein BI-Kinderfest statt und die Kinder ergreifen von jedem Spielgerät Besitzt, sobald es fertig wird. Kletterbaum - Wippe, doch als der Kletterturm fertig wird sind alle Kinder Längst zu Hause. Unserem Eifer und unserer Freude tut das bis zum Schluß jedoch keinen Abbruch. Ein paar Restarbeiten bleiben und werden wohl in den nächsten Wochen von der BI erledigt. Es ist erstaunlich, erfreulich und ermutigend, was wir in intensiver Arbeit an einem Tag vollbracht haben.
Nirgendwo ist bisher auf unserem Pfad so deutlich über die Angst gesprochen worden - Angst vor radioaktiver Verseuchung. Und angesichts von Leukämiekranken Kindern und Erwachsenen wird dies verständlich. Transparentinschrift: Strom ohne Atom - ohne diese Angst.

20.August:
Früh geht es los nach Greifswald. Erst mit dem Rad, dann mit dem Zug. In Schwerin steigt Käthe zu uns und wird uns eine Woche bis Berlin begleiten. In Greifswald werden wir von Mitgliedern der BI empfangen und zu unseren Quartieren geleitet. Wir verabreden, uns zwei Stunden Zeit für eine intensive Runde zu nehmen, da dies in den letzten Tagen zu kurz gekommen ist. Der Stein kreist bis alles gesagt ist und das ist gut so. Zum Schluß bleibt noch Zeit für den Ulmentanz, bevor es zu einem Treffen mit vier Menschen der BI kommt, bei dem organisatorisches und inhaltliches ausgetauscht wird. Dann fallen wir müde ins Bett.

Reiseberichte Teil 2

21.August:
10.00 auf dem Fischmarktplatz. Stand aufbauen, Transparente auspacken und aufhängen. Spontan geht eine Kette aus Menschen und Transparenten über den Marktplatz und durch die Fußgängerzone. Flugblätter verteilen - Beschimpfungen ( Geht lieber arbeiten statt zu demonstrieren) wechseln mit offener Zustimmung zu unsrem Unternehmen. Die Presse stellt Fragen, Fragen die zum Teil von völliger Unkenntnis zeugen. Es werden Transparente gemahlt und uns für unseren weiteren Weg mitgegeben. Eine Gruppe veranstaltet noch eine spontane Aktion: Einsatz nach einem Unfall mit radioaktiven Verseuchungen. Die Resonanz auf dem recht leeren Marktplatz bleibt leider gering.
Nachmittags statten wir den stillgelegten Reaktoren und dem neu errichteten Zwischenlager eine Besuch ab. Steht man zum ersten mal von dieser Anlage, so ist man erschlagen von der Größe. Vier Reaktoren die bis zur Wende 89 in Betrieb waren, einer, der gerade in den Probebetrieb gegangen war und drei weitere, die noch im Bau waren. Allein das alle Reaktoren verbindene Maschinenhaus hat eine Länge von rund einem Kilometer! Die fehlenden Sicherheitsvorrichtungen in diesem Bereich ist einer von vielen Gründen, die nach der Wende zur Abschaltung der gesamten Anlage geführt hat.
Die BI hat lange versucht das neu rerichtete Zwischenlager für radioaktiver Müll zu verhindern, auch weil die Kapazität des Lagers weit über die für die AKW´s Greifswald und Rheinsberg benötigte Menge hinausgeht. Der bisher unbestätigte Verdacht besteht, dieses Lager als gesamtdeutsches Zwischenlager zu nutzen, vielleicht mit dem Hintergedanken, daß hier im Osten mit weniger Widerstand zu rechnen ist. Das gesamte Zwischenlager ist von der Ausstattung her darüber hinaus eine Sparversion zu Lasten der Sicherheit.
Die BI wird in diesen Tagen zehn Jahre alt. Sie hat ihre Arbeit also bereits vor der Wende aufgenommen und am Abend wird dies im großen Kreise gefeiert. Rückblich auf eine Zeit unglaublich vieler Aktivitäten und des ununterbrochenen Lernens. Ein gelungener Abend. Sehr spannend noch der Aspeckt, des Generationswechsels im Vorstand der BI, der von den "Alten" gewünscht und von den "Jungen" angenommen worden ist. Was natürlich nicht bedeutet, daß die "Alten" nichts mehr tun.
Der Abschied vor allem von Rosemarie Poldrack und den anderen BI-Mitgliedern fällt schwer - so viel Energie, Mut und Zuversicht steckt an, auch wenn Töne von Erschöpfung und Überlastung nicht zu überhören sind.

22.August:
Weiter geht es nach Waren. Erst bis Neubrandenburg mit dem Zug, dann mit dem Fahrrad. Wir fahren durch eine wundervolle Landschaft und treffen unterwegs auf unseren neuen Fahrer. Leckere Bohnen sind gekocht, und ein See lockt Unerschrockene zum Baden. Spät kommen wir in Waren an und zu unserer großen Freude sind die Zelte schon aufgebaut und der Grill ist schon an. Auch Helmut aus Berlin ist schon da und wird die nächsten Tage mit uns fahren. Unser Ansprechpartner in Waren, Gerhard Hagemeister, hat einen Schlachter angesprochen, der uns Unmengen Würstchen geschenkt hat - viele von uns sind Vegetarier, aber trotzdem freuen wir uns über diese ungewöhnliche Art der Unterstützung

23.August:
Morgens um zehn treffen wir uns mit Gerhard Hagemeister auf dem Marktplatz, wo er uns informiert über die Geschichte von Warenshof und seine persönlichen Erfahrungen. Er hat zu DDR-Zeiten die Pläne für die medizinische Versorgung der Bevölkerung nach einem Atombombenabwurf ausgearbeitet, bis ihm bewußt wurde, daß Hilfe in dieser Situation unmöglich ist. Es folgten lange Jahre der Auseinandersetzung mit den Behörden. In Waren gab es ein Lager sowjetischer Atomraketen, nach dem INF-Vertrag wurden als erstes diese Raketen abgezogen, nach Rußland transportiert und dort vernichtet. Ein Ort der Hoffnung also, ein Ort, derzeigt, daß Umkehr möglich ist.
Die Transparent-Menschen-Schlange zieht wieder durch die Fußgängerzone und über den Marktplatz und trifft auf erfreulich viel positive Resonanz. Auf dem Marktplatz hängen wir die Transparente noch für einige Zeit an einen Bauzaum und verteilen Flugblätter. Auch hier mit viel Resonanz.
Am Nachmittag ein weiteres Treffen mit Gerhard Hagenmeister und Mitgliedern der Gruppe "Laßt Warenshof dem Frieden"diesmal direkt am Platz des Friedens in Warenshof. Nur ein kleiner Teil des Geländes (die Wohngebäude) wird von der Gemeinde Waren als Wohnsiedlung für sozial schwache Familien genutzt. Der größere Teil wird als Waffenlager von der Bundeswehr genutzt, insbesondere als Nachschubbasis für Auslandseinsätze. Wer Interesse hat mehr über die Geschichte von Warenshof zu erfahren, kann sich gern an Gerhard Hagemeister oder uns wenden, da es zwei Bücher darüber gibt.

24.August:
Als wir losfahren, wissen wir es noch nicht, aber an diesem Tage werden wir die größte Fahrradstrecke zurücklegen. Sechsundachtzig Komma vier (Charlotte legt darauf besonderen Wert) Kilometer - doch dies ist nur im nachhinein von Bedeutung. Wir genießen vor allem die Landschaft durch die wir fahren und wir wachsen an diesem Tag als Gruppe noch mehr zusammen. Gemeinsames Erleben und Genießen verbindet. Abend fallen wir nach 11 Stunden unterwegs voll von Landschaft in die Betten in Ferienbungalows in Neuglobsow.

25.August:
Der nächste Tag ist ohne Aktion (zumindest fast). Reinhard Dalchow vom Umweltkreis Menz gibt uns nach dem Frühstück einen kurzen Überblick über die aktuelle Situation. Anschließend nehmen wir uns Zeit für eine ausführliche Runde. Abschied steht an, da uns in Berlin fast die Hälfte der Mitreisenden verlassen werden.
Nur ein Teil der Gruppe unternimmt einen Besuch des AKW. Aus Zeitgründen fahren wir einen Teil der Strecke mit dem Fahrrad, verlaufen uns dann allerdings und sind deshalb auf dem Hinweg trotzdem über eine Stunde zu Fuß unterwegs. Der Rückweg dauert dann nur eine viertel Stunde.

26.August:
Auf nach Berlin. Dort kommen wir früher an als geplant, da der Weg nach Fürstenberg zum Bahnhof schneller bewältigt wird als gedacht und wir so einen Zug füher erreichen. Die, die nicht mit uns weiterreisen beziehen bei Hanne und Bill Quartier, die anderen bei Claudia und Johannes. Der Nachmittag ist frei und erst am Abend treffen wir uns in den Hackischen Höfen wieder. Dort hält nach einer kurzen Vorstellung des atom-pfads Marion Birkholz einen Vortrag über die Bedeutung Berlins in der Geschichte der Atomtechnologie. Erste nachgewiesene Atomkernspaltung von Otto Hahn 1938 in Berlin. Die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abzuwerfen fiel ebenfalls in Berlin. Noch viele andere Punkte wurde genannt, die sich aber hier nicht alle wiedergeben lassen.
Die abschließende Diskussion verlief recht kontrovers, da Mario Birkholz als Mitarbeiter des Hahn-Meitner-Instituts wegen des dort betriebenen Versuchsreaktors angegriffen wurde.

27.August:
Früh am Morgen begann unsere lange Zugfahrt nach Aue im Wismutgebiet. Wir sind im Puschkin-Haus untergebracht und werden von zwei jungen Faruen betreut, die dort ihr ökologisches Jahr machen. Kaum angekommen informiert uns ein Mitarbeiter der Wismut über die Geschichte der Wismut und die Pläne zur Sanierung des Gebietes. Der Bericht über die Anfänge des Uranabbaus unter sowjertischer Oberhoheit sind deutlich und sehr kritisch. Was zählte war das Uran, der Mensch spielte keine Rolle. Zwangsverpflichtete wurden ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen in die Gruben geschickt. Es gab in den nachfolgenden Jahren zahlreiche Krebserkrankungen, die auf diese Anfangszeit zurückzuführen sind. Über Siebentausend Lungenkrebserkrankungen wurden als berufsbeding von der Berufsgenossenschaft anerkannt. Rücksichtslos wurde auch die Landschaft zerstört. Halden aus noch schwach radioaktivem Abraum wurden mitten in Ortschaften angelegt und einzelne Ortschaften verschwanden völlig von der Landkarte. Nach der Umwandlung in eine sowjertisch-deutsche Aktiengesellschaft wurden die Sicherheitvorkehrungen deutlich verbessert und nicht mehr die Gewinnung des Urans stand im absoluten Vordergrung, sondern auch die Gesundheit der Menschen. Trotzdem wurden die Bergleute geradezu fürstlich bezahlt und hatten auch was die Versorgung anging viele Privilegien.
Nach der Wende übernahm die Bundesrepublick im Einigungsvertrag die Verpflichtung die entstandenen Schäden zu beseitigen. 15 Millarden DM sollen bis 2009 für die Sanierung ausgegeben werden. In der Regel werden die Halden der Landschaft angeglichen, mit eine Schicht Mineral- und dann mit Muttererde abgedeckt. Abschließend wird das ganze begrünt. EinTeil der Halden wird auch in Tagebaulöcher verbracht und dort als Füllmaterial verwendet. Die zahlreichen Bergwerksgruben werden sicher verschlossen und wo notwendig auch verfüllt bzw. geflutet um Einstürze zu verhindern. Die Schlammseen, die am stärksten radioaktiv sind, werden trockengelegt und mit Folien und Erdreich abgedeckt. Die Frage nach der langfristigen Sicherheit wurde mit 1000 Jahre beantwortet. Doch die Verantwortung und Dokumentation für unsere Nachfahren - für diese Frage gab es keine Antwort. Die vorhandenen Unterlagen werden bei den vorgesetzten Behörden abgegeben - das wars.
Gerhard und Jürgen vergrößern unsere Gruppe wieder und werden bis zum Ende mitradeln und fahren. Pfarrer Hädicke

28.August:Die Kirschbäume tragen keine Kirschen mehr, die Äpfel sind reif, die Hagebutten rot, es wird schon recht früh dunkel, morgens sind die Wiesen naß und die ersten Blätter verfärben sich - kein Zweifel, es wird Herbst. Wir genießen die noch warmen Sonnenstunden und spüren am Morgen und am Abend deutlich die kühle Frische des nahenden Herbstes.
Doch an diesem Morgen erwartet uns nur Regen - kein Stück blauen Himmels, nur ununterbrochen Regen, Regen, Regen! Wir trotzem ihm, diesem Regen, doch er hat den längeren Atem - nach zwei Stunden sind wir total durchnäßt, haben den richtigen Weg verpaßt, sind deshalb die ganze Zeit an der Straße gefahren und steigen frustiert in den Zug. Die Wartezeit, bis der Zug kommt, verbringen wir bei heißem Kaffee oder Schokolade mit wirklich netter Bedienung in der Bahnhofsgaststätte. Nach kurzer Zugfahrt kommen wir dann trockenen Rades in der Jugendherberge in Werdau an.
Am Abend düsen wir noch nach Zwickau zu einer Veranstaltung im "Bunten Zentrum" mit dem Thema Uranabbau in Australien. Außer einem Journalisten, zwei Menschen vom Haus, den beiden jungen Frauen vom freiwilligen ökologischem Jahr und einem ehemaligen Wismut-Arbeiter sind wir unter uns. Zuerst geben wir einen Bericht von den Stationen des atom-pfads. Dann berichten Sam, Amy und Inge aus Australien und dem nWiderstand gegen die Öffnung von neuen Uranminen. Doch dies ist nicht das, was der ehemalige Wismutarbeiter erwartet hatte. Er war interessiert an der Technik des Uranabbaus und er beginnt zu erzählen von seinen Erlebnissen bei der Wismut. Zwangsverpflichtet wurde er als Ingenieur und trotzdem war er stolz auf die geleiste Arbeit. Es sprach sich gegen die Atomtechnik aus und berichte von den enormen Verdiensmöglichkeiten der Bergleute, ohne zu hinterfragen, warum dies so war.
Auch dieser Abend von der Grundstimmung trübe. Fast ein drittel der Bevölkerung hat die Gegend in den letzten zehn Jahren verlassen. Die Arbeitslosenzahl liegt bei 20%. Noch einmal die gleiche Zahl von Menschen ist in befristeten ABM-Stellen oder Umschulungen untergebracht. Die Landschaft ist verstrahlt - wenn auch zum großen Teil nur schwach - doch darüber zu reden fällt offensichtlich sehr schwer.

29.August:
Mit dem Rad fahren wir am nächsten Morgen weiter in Richtung des riesigen Tagebaulochs in der Nähe von Ronneburg. In der Ferne grüßen die beiden Spitzkegelhalden, die schon fast zum Wahrzeichen von Ronneburg geworden sind.Auch sie sind unübersehbare Spuren des Uranbergbaus. Am Tagebauloch angekommen betreten wir das abgesperrte Gebiet und arbeiten uns durch Schlamm und Gebüsch zu dessen Rand vor. Betroffen angesichts des Größe und Zerstörung bleiben wir stehen und bilden dann einen Kreis, in dem wir Mutter Erde eine Stimme geben.
Das Ziel unserer Weiterfahrt ist Gera und von dort mit dem Zug nach Haldensleben. Auf dem Weg kommen wir noch an anderen Halden vorbei, die nichts mit dem Uranbergbau zu tun haben, aber die Landschaft ist auch dort zerstört.
Am Bahnhof erwartet uns Ingrid, die die nächsten Tage vorbereitet hat und bis zum Ende mitfahren wird.
Am Abend in der Jugendherberge informieren uns noch Menschen von der BI Kolbitz-Letzinger Heide über die Geschichte und die aktuelle Situation in der Heide. Erst große Versprechungen, daß die Heide nur noch zivil genutzt wird, doch nun ist die Bundeswehr da und nutzt das Gelände. Zu Sonntagsspaziergängen treffen sich regelmäßig zwischen zwei- und fünfhundert Menschen um dagegen zu protestieren.

30. August:
Nach dem großen Umbruch in der Zusammensetzung unserer Gruppe in Berlin beginnen wir uns in neuer Besetzung zusammenzufinden.
Weiter geht es nun geführt von Ingrid, unterstützt von Gisela und Erika, die nur einen Tag mitradeln, zur Schachtanlage Morsleben. Unterwegs treffen wir noch auf zwei RadlerInnen, die uns von Morsleben entgegengekommen sind und sich nun uns anschließen. Und wir werden von zwei Polizei-Motorradfahrern eskortiert, die sich sehr um unsere Sicherheit sorgen. Ausgiebig fotographiert vom Werkschutz, werden wir vor dem Tor des "End"-Lagers von BI-Mitgliedern begrüßt, die für unser leibliches Wohl vorgesorgt und einen Tisch voll leckerem Essen und Trinken aufgebaut haben.
Die Mitgleider der BI-Morsleben stammen alle aus dem benachbarten Helmstedt, und wir erhalten eine Menge Informationen. Dieses atomare Endlager der DDR wäre nach bundesdeutschem Recht nie genehmigt worden. Trotzdem wurde nach der Wende die Betriebgenehmigung für die Einlagerung von Atommüll auf Basis des DDR-Rechts verlängert. Inzwischen wird dort nichts mehr eingelagert, aber das Lager ist noch nicht offiziell stillgelegt. Und selbst wenn es soweit ist - was passiert mit dem ganzen Müll, der dort inzwischen liegt? Es ist nicht nur mengenmäßig viel, sondern auch zum Teil gar nicht erfaßt. Die Bürgerinitiative sieht ihre Aufgabe darin, wachsam zu bleiben und weiterhin darauf hinzuweisen, daß dieses "Endlager" eine große Gefahrenquelle ist.
Von Morsleben fahren wir weiter nach Helmstedt zum Gemeindehaus der Christopherusgemeinde, wo wir Zeit haben, vom atom-pfad zu erzählen und uns mit der BI auszutauschen. (Vorher müssen wir aber natürlich unsere Transparente aufhängen - in Morsleben ist noch eins dazugekommen -, damit der Fotograph von der Presse und alle anderen auch ihr Motiv fürs Familienphoto haben.) Wir merken immer wieder, wie wichtig das Erzählen ist - für die, die uns zuhören, weil sie neue Informationen über die gesamtdeutsche atomare Lage, aber auch über andere Gruppen, manchmal auch gezielt Nachrichten von ihnen erhalten, und für uns, weil sich das Erlebte im Erzählen strukturiert, einprägt und durch die Perspektiven der anderen in der Deutung erweitert.
Der Nachmittag ist noch nicht zu Ende: Markus aus Stendal berichtet uns in Wort und Bild über ein beeindruckendes Projekt im Norden von Weißrußland. Dort werden für Menschen aus der Gegend von Tschernobyl Häuser in Lehmbauweise errichtet. Ein neues Dorf entsteht, die Menschen werden darin unterstützt, sich eine neue Existenz aufzubauen, und Urlaub für Mütter und ihre Kinder wird dort organisiert. Ein weiterer Aspekt dieses Projektes: Daß Deutsche in dieses Land, das so sehr unter den Deutschen gelitten hat, nicht mit Gewehren kommen, sondern mit offenen Händen, die bereit sind, zuzufassen und zu arbeiten.
Spät kommen wir in Braunschweig an und werden am Bahnhof von Ilona von der AG Schacht Konrad begrüßt, die uns zur Jugenherberge begleitet und uns auch die nächsten beiden Tage betreut.

31.August
Das Erkundungs- und Versuchsbergwerk Asse 2 steht an diesem Tage an. Von Braunschweig aus ist es bequem mit dem Fahrrad zu erreichen. Wir haben einen Termin zur Besichtigung dieses Bergwerks. Diese beginnt mit einer Erklärung der geologischen Formationen. Mehr als 50 tausend Jahre ist der Salzstock alt und hat sich in dieser Zeit nicht wesentlich verändert. Hohlräume die in diesem Salzstock von Menschen gemacht wurden, wachsen durch den hohen Druck des darüberliegenden Erdreichs und die Verformbarkeit des Salzes immerhalb von wenigen Jahren wieder zu. Eingelagerter Müll, egal ob radioaktiv oder nicht wird durch diesen Druck ebenfalls stark komprimiert. Bleibt der Salzstock weitere Millionen von Jahren stabil, so kann von einer wartungsfreien, dauerhaften Endlagerung gesprochen werden.
Doch, und dies erfahren wir nicht bei der offiziellen Führung sondern von Mitgleidern der BI, es gibt Anzeichen, die Zweifel aufkommen lassen. Zum Beispiel müssen schon jetzt täglich 10 Kubikmeter Wasser aus dem Bergwerk abgepumpt werden, ohne das es eine Erklärung für diese Wassermenge vorhanden wäre. Die Wassermenge ist parallel mit der Verfüllung der Bergwerks mit Abraumsalzen aus Kalibergbaugebieten gestiegen. Wasser ist jedoch die größte Gefahr für die Stabilität des Salzstocks und in Verbindung mit den Salzen chemisch sehr agressiv. Welche Auswirkungen eine Wassereinbruch tatsächlich hätte läßt sich jedoch nicht vorhersagen. Offizielle Untersuchungen besagen, daß es mehrere hundert Jahre dauern würde, bis es zum Austritt von Radioaktivität kommen würde - doch egal ob in fünzig oder fünfhundert Jahren, es würde zu zahlreichen Krebserkrankungen und Todenfällen kommen. Katatrophal an dieser Art der Einlagerung ist daß sie nicht rückgängig gemacht werden kann. Kommt es zum Wassereinbruch, so ist Abhilfe nicht möglich. Ohnmächtig müßten die Betroffenen, so sie es denn überhaupt mitbekommen, erleben wie Grund und Boden verseucht werden. Flucht wäre vermutlich die einzige Rettung.
Schwere und bedrückende Kost die uns da gereicht wird. Schwer und bedrückend auch die Fahrt in bis zu 800 Meter Tiefe. Bedrückend deshalb, weil zu Versuchszwecken dort insgesamt 126.000 Fässer mit radioaktivem Müll eingelagert worden sind. Unter dem Deckmantel der Erprobung ist hier ein Endlager für leicht- und mittelaktive Stoffe eingerichtet worden.
Die Versuche mit der Lagerung hochradioaktiver Abfälle mußten abgebrochen werden. Politisch nicht durchsetzbar, weil für die Versuche radioaktive Quellen aus den USA herbeigeschafft werden sollten. Doch bereits in den USA weigerten sich die Hafenarbeiter diese radioaktive Fracht zu verladen und auch vor Ort am Schacht Asse gab es heftige Proteste. So wurde dieses Projekt, das die Tauglichkeit von Salzstöcken auch für hochradioaktiven Müll beweisen sollte, abgebrochen.
Wundervolle biologische Kost wird uns bei dem anschließenden Piknick mit der Aktion Atomüllfreie Asse serviert. Da es zur Zeit keine weiteren Einlagerungen gibt und die Aktivitäten im Bergwerk nur noch dem sicheren Verschließen gelten, ist die akute Gefahr vor Ort gering. Deshalb haben die Aktivitäten der BI zur Zeit auch andere Schwepunkte, zum Beispiel einen jährlich stattfindenen Ökomarkt.
Langsam beginnt meine Fähigkeit der Aufnahme von neuen Informationen und Menschen an eine Grenze zu kommen. Wir haben zu wenig Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit von Pausen gelegt. JedeR der Beteiligten an der Planung eines Abschitts des Atompfads hat die vorhandene Zeit gut gefüllt. Die am Beginn der Planung vorhandenen Ruhepausen, wurden angesichts der Vielzahl von atomaren Brennpunkten mit Programm gefüllt. Schade das nun die Intensität der Wahrnehmung durch Erschöpfung getrübt wird.

Reiseberichte Teil 3

1. September:
Schacht Konrad steht auf dem Programm. Ebenfalls ein altes Bergwerk, das zur Einlagerung von nicht wärmeentwickelnden radioaktiven Abfällen genutzt werden soll. Direkt auf einem Feld neben der Schachtanlage findet vom 10-12.9.99 ein Musikfestival statt. Schicht im Schacht / Musiker gegen Schacht Konrad , so lautet der Titel, und es werden bis zu fünfzehntausend Menschen erwartet.
Uns erwarten auch hier wieder Unmengen an Informationen. Nicht nur über Schacht Konrad, sondern auch über viele Details der Anti-AKW-Bewegung weiß Peter Dickel bestens Bescheid. Im Gegensatz zu vielen anderen Standorten gelten, im Falle eines Störfalles wenn die Anlage jemals in Betrieb gehen sollte, hier zahlreiche Industriearbeitsplätze als gefährdet, und die Gewerkschaften haben sich deshalb eindeutig auf die Seite der Endlagergegner gestellt. Ebenso die örtlichen Kirchen.
Eine weitere Überraschung hält die Gewerkschaft an diesem Tag für uns bereit. Der örtliche DGB-Verband hat zum Gedenken an den Kriegsbeginn vor 60 Jahren zu einer Demonstration und Kundgebung aufgerufen. Dieser Demo schließen wir uns an und fühlen uns unter den vielen bürgerlichen, typisch gewerkschaftsorientierten Männern im gesetzten Alter fremd. Doch die Ansprache von Rolf Becker trifft viele von uns ins Herz. Rolf Becker, Schauspieler aus Hamburg, war mit anderen in Jugoslawien, und er berichtet von dem, was er dort erlebt hat. Zerbombte Schulen, Krankenhäuser, Fabrikanlagen, Brücken (30 von 31 über die Donau) und Universitäten. Ein Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung. Die jugoslawische Armee hat ganze dreizehn Panzer und nur wenige Soldaten verloren - die Zivilbevölkerung viel mehr Opfer und den größten Teil der Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Es ist erschütternd, dies in dieser Deutlichkeit nochmals zu Kenntnis nehmen zu müssen. Nach all dem Unglück, das Deutsche bereits in diesem Land angerichtet haben, sind wir nun wieder dabei - unfaßbar.
Leider müssen wir vor Abschluß der Rede von Rolf Becker gehen, um den letzten Zug zurück nach Braunschweig zu erreichen. Der Abschied fällt schwer, und wir sind froh, an diesem Tag dagewesen zu sein. Amy regt uns an, nach unserer Rückkehr noch eine stille Meditation zu machen, da sie voll von Infos über diesen Krieg ist. Fast alle sind an der Grenze der Aufnahmemöglichkeiten angelangt.

2. September:
Wir sind auf dem Weg zu unserer letzten Station unserer Reise - dem Wendland. Herz des Widerstandes gegen die Atomindustrie in Deutschland. Hier haben einige von uns vor zehn Jahren zum ersten Mal von Joanna Macys Idee der Bewachung des Atommülls erfahren. Die Beachtung, die wir hier von der BI erfahren, ist gering - doch angesichts der Umstände ist dies auch nicht verwunderlich. Wer über so viele Jahre so viel auf die Beine gestellt hat, der ist durch ein paar Radler nicht hinterm Ofen hervorzulocken, den lockt erst der nächste Castor oder Vergleichbares. Trotzdem kommt es mit denen, die da sind, zu einem anregenden, schönen und kontruktiven Austausch. Die Idee des Bewachens auf dem Prüfstand. Ein Ergebnis gibt es noch nicht, denn dazu braucht es noch viele Diskussionen.
Neben den vielen Infos, die wir von Dieter Schaarschmidt erhalten, schauen wir uns zusammen den fünften Film über den Widerstand im Wendland an. Titel: Haut ab. Pflichtprogramm für jedeN, der wissen will, wer die Chaoten sind und was Widerstand in Deutschland bedeutet. (Bezug über die BI Lüchow-Dannenberg)

3.September:
Besuch des Zwischenlager, der Pilotkonditionierungsanlage und des immer noch nicht aufgegebenen, geplanten Endlagers. Wir entrollen "unsere" Transparente, die inzwischen eine Länge von über sechzig Metern haben, ergänzen sie mit 120 Metern Transparenten der Aktion "Gib Stoff" und verschließen damit symbolisch für ca.zwei Stunden die Tore des Endlagerbergwerks. Die Polizei ist mit zwei Mann in Zivil vertreten und will eigentlich nur wissen, ob wir die Transparente wieder mitnehmen. Da wir das sowieso vorhatten, ist sie beruhigt. Im Wendland gehen die Uhren anders.
Wir berichten den anwesenden BI´lern, FriedensreiterInnen und Journalisten von den Stationen unserer Reise. Wir haben das auf unserer Reise schon mehrfach gemacht, und es hat inzwischen eine wichtige Funktion für uns. Es hilft die Konzentration auf das Erlebte zu erhöhen, nicht darüber hinweggehen zu können, wie es sonst im Aktionismus des Alltags passiert. Immer wieder ist es auch Anlaß gewesen, Bilanz zu ziehen und zusammenzufasssen:
1. Es gibt ein großes und bedrohliches Potential an atomtechnischen Einrichtungen in Deutschland. Gewußt habe ich das schon lange - aber begriffen habe ich es erst auf dieser Reise. Nicht nur AKWs, sondern alle Stufen der Atomtechnik, vom Uranabbau über Urananreicherung, Brennelementefabrikation und auch Atomwaffen sind in Deutschland vorhanden.
2. Es gibt eine weitverbreitete Anti-Atom-Bewegung und eine Vielzahl von Menschen, die bereits seit vielen Jahren, zum Teil schon seit über 25 Jahren, Widerstand leisten und sich dafür einsetzen, daß mit diesem Irrsin aufgehört wird. Die Vielfalt der Menschen im Widerstand, die vielfältigen Ansätze der Initiativen und die Ausdauer, mit der am Ausstieg gearbeitet wird, sind faszinierend und ermutigend.
3. Das Land, durch das wir gefahren sind, das wir "erfahren" haben, ist unendlich schön und es lohnt sich....Diese Schönheit hat die Notwendigkeit, aus der Nutzung der Kernenergie auszusteigen, noch deutlicher gemacht, und war gleichzeitig ein Ausgleich, um das Unerträgliche ertragen zu können.
4. Wir waren in der Regel zwischen zehn und dreizehn Menschen, die unterwegs auf dem atom-pfad 99 waren. Eine kleine Gruppe, und trotzdem gab es viele Momente der Begegnung, die Mut gemacht haben - uns und den Menschen, denen wir begegnet sind. Es waren kleine Schritte die wir gemeinsam machen konnten, es hat Spaß gemacht, sie zu tun, und es war wichtig, sie zu tun, auch wenn die Resonanz in den Medien oft nicht so groß war.

4.-5. September:
Wir besuchen die Kunstausstellung auf dem Schweizerhof bei Bad Bevensen mit dem Thema: Vergänglichkeit und Utopie. Eine Ausstellung auf den abgeernteten Feldern eines Biolandhofs. Auch hier kommen unsere Transparente, vorläufig zu letzten Mal, zum Einsatz und wir berichten vom atom-pfad 99.
Am späten Nachmittag eine letzte große Runde in der Kurve in Wustrow... bis alles gesagt ist. Dann noch ein köstliches Mahl und der Abschied am nächsten Morgen .... Wochen sind vergangen... oder waren es Monate? Jahre? Eine Zeit intensiven Lebens, wie wir es alle bisher nicht oft erlebt haben. Verblüffend, daß so viel Erleben in so wenig Zeit paßt. Erinnerungen an die Kindheit, in der das so ähnlich war, nur die Verwunderung darüber nicht.
Der nächste atom-pfad ....??

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