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Atompfad 2005 TagebuchStart in .... ..... Salzgitter-Lebenstedt Mittwoch, 20. Juli 2005 Aus
allen Himmelsrichtungen kommen wir in Salzgitter zusammen. Wie kraftvoll dieser
Anfang ist, wird in der Atmosphäre spürbar, die uns umgibt. Frohe Begrüßungen,
Erwartung der noch Fehlenden, die Fragen der Presse, die ersten Kontakte mit der
Polizei, der erste Kreis mit dem Redestein – es geht los, wir gehen los. Lore
und Johannes kochen in der Zwischenzeit für uns – immer braucht es diese
guten Seelen im Hintergrund. Auf
dem Weg durch die Fußgängerzone sagt ein Mann: „Ich mach´ ein Foto für die
Bildzeitung“. Klick – „nur schade, dass so wenige mitgehen“. Ich
antworte:“ Stehen Sie auf und gehen Sie mit!“ Und er steht auf, geht mit und
verbringt die nächsten fünf Stunden mit uns. Das
erste geplante Endlager gemeinsam anzugehen, den Schacht langsam in den Blick zu
nehmen, mir der Lage bewusst zu werden und gleichzeitig im Gespräch mit
Menschen zu sein, die mich unterstützen und für ein großes Anliegen unterwegs
sind – das ist mir eine wertvolle Erfahrung von Gemeinschaft. Im
Konradhaus werden wir mit einer guten Suppe willkommen geheißen, die wärmt und
„läuft dahin, wo es weh tut“. Ursula
Schönberger erzählt von der Geschichte in Schacht Konrad. Es gibt Ähnlichkeiten
zu Asse II. Also ist die Verbindung wichtig. Claudia
erzählt die Geschichte des Ulmentanzes. Immer wieder höre ich neue Aspekte.
Heute ist es der Schritt und der Blick. Bei dem Schritt zurück erinnere ich
mich daran, wo ich herkomme, bei dem Schritt nach vorne, daran, wo ich hin will
und im Stehen an meine Mitte, und dass ich inmitten bin. Wir
gehen in Privatunterkünfte, lernen kurz die treuen Streiter vor Ort kennen.
Herzlichkeit und der Wunsch nach weiteren Kontakt begleiten uns. Ich würde den atomaren Müll niemals alleine angehen. Andrea
Pünktlich um 12:00 Uhr fängt es kräftig an zu regnen. Es sind noch nicht alle da, und wir flüchten uns in unser Begleitauto. Die Polizei ist auch schon da, nachdem wir in den letzten Tagen schon zahlreiche Telefonate mit den unterschiedlichsten Dienststellen und Ordnungsämtern geführt hatten. Schon wenige Minuten später scheint die Sonne wieder. Der NDR ist da und zwei Zeitungsvertreter, die Fotos und kurze Informationen wollen. Noch ein Anruf von einem angemeldeten Teilnehmer: „Habe verschlafen – komme morgen“. Als alle anderen da sind, stellen wir uns in den Kreis und machen eine kurze, bunt gewürfelte Vorstellungsrunde. Dann geht es los durch die Fußgängerzone – die gelbe Fahne flattert im Wind, und wir verteilen unsere Flugblätter, in den in Heimarbeit gestalteten Atompfad-2005-T-Shirts. Spontan schließt sich uns ein Mann an und begleitet uns die ca. acht Kilometer auf unserem Weg bis zum Konradhaus. Er erzählt viel über sich und die Umgebung. Er stammt von hier und arbeitet bei VW, einem der großen Arbeitgeber dieser Gegend.
Wir laufen anfangs durch eine nicht sonderlich einladende Zufahrtsstraße, kommen aber bald auf einen schönen Weg, der vorbei an Wiesen, Feldern, Sportplätzen und Kleingartenkolonien führt. Weiter geht es an einer großen Bundesstraße und der Autobahn vorbei, bis in der Ferne der Förderturm von Schacht Konrad auftaucht. Er ist eingerahmt von zahlreichen Windrädern, die von der Sonne angestrahlt werden und sich vor dunklen Wolken am Horizont sehr schön abheben. Der Regen fängt wieder an, als wir das Konradhaus gerade erreicht haben – der Wettergott war uns wohlgesonnen.
Nach dem Essen erzählt Ursula uns von der Geschichte und vom aktuellen Stand des Ringens um die Schachtanlage Konrad. Anschließend machen wir einen Rundgang durch Bleckenstedt, mit Blick auf die Schachtanlagen und das Haus der Familie Traube, die gegen das Endlager klagt. Bevor wir uns in die privaten Nachquartiere über Bleckenstedt verteilen, versuchen wir noch im Kreis als Gruppe zueinander zu finden. Johannes
Auf dem Pfad..... .... zehn Kilometer nach Wolfenbüttel Donnerstag, 21. Juli 2005
Am Morgen Qi gong mit Claudia. Die fließenden Bewegungen, der gute Stand, mein Gespür zwischen Himmel und Erde werden auch während des Gehens immer wieder von meinem Körper erinnert. Dank an Claudia! Wir
gehen nach Wolfenbüttel, es ist, als würde ich mich gehen lassen, ich gehe
einfach leichten Schrittes, der Schlag der Trommel (von Dagmar) unterstützt
mich dabei.
Der
Regen am Nachmittag hält uns nicht von der Pestklopferaktion ab. Es sind
weniger Menschen unterwegs, aber dafür haben einige auch Zeit für Gespräche.
Neugierde kommt uns entgegen – und die Presse.
Am
nächsten Morgen regnet es – bis wir losgehen. Dann hört es auf und fängt
erst wieder an, als wir in Wolfenbüttel ankommen. Und leider hört es für den
Rest des Tages nicht mehr auf. Als PestklopferInnen, schwarz gekleidet, mit weiß
geschminkten Gesichtern und langen Bohnenstangen gehen wir die Fußgängerzone
auf und ab. Trotz des Regenwetters ist uns die Aufmerksamkeit der nicht sehr
zahlreichen Menschen sicher, und wir werden erfreulich viele unserer Flugblätter
und „
Glücklich, nass und erschöpft treten wir die kurze Fahrt zu unserem neuen Quartier dem Falkenheim auf der Asse an. Hier findet nach dem Abendessen die Jahreshauptversammlung von aufpASSEn e.V. statt, in dem einige von uns Mitglied sind. Für alle bringt diese Versammlung eine geballte Informationsflut über das atomare Endlager Asse II – eine gute Vorbereitung auf den nächsten Tag. Johannes
Auf dem Pfad.... .... 800 Meter unter die Erde Freitag, 22. Juli 2005
Wir
brechen ohne Regen zu Schacht Asse II auf, nähern uns langsam. Die Vorstellung,
dass unter meinen Füßen jene Fässer liegen, die den Wald und alles Leben in
den Umgebung bedrohen können ist irgendwie wiedersinnig. Die
Einfahrt unter Tage war ist aufregend für mich. Ich empfinde einen tiefen
Respekt vor der Erde und ihren Tiefen. Die
Gänge und Maschinen wirken futuristisch, erinnern an einen Film oder an
Computerspiele. Wenn das Leben ein Spiel ist, dann ist dieses eine sehr
bedenkliche Version. Wir bedenken und bewachen es und versuchen auf die
Spielregeln Einfluss zu nehmen – immerhin. Vortrag
von Dr. Hensel, GSF „Die
Deckschicht verformt sich jährlich um 12 mm“. Dieser Satz hat sich mir
eingeprägt und ich stelle mir eine Verformung in 1000 Jahren vor. Mir wird übel
und ich will nicht weiter darüber nachdenken, was das bedeuten kann. Das
Schutzfluid kann die Fässer zerstören und somit Radionuklide freisetzen. Das hören
wir alle. Ich will einfach nicht, dass das wahr wird. Den verschiedenen
Szenarien kann ich mich immer nur für Momente stellen. Diese
Informationsveranstaltungen sind anstrengend und dennoch bin ich sehr froh, dass
wir dieses Wissen bekommen, und hoffe auf weitere Gespräche mit der GSF. In der Nähe des Schachtes steht ein Granit, ein Findling mit dem Aufruf aufpASSEn. Ein Mahnmal, möge es lange mahnen und verstanden werden, ein Stein des Anstoßes sein, der Erinnerung, Wegweiser, Eckstein, .... Andrea
Auch am nächsten Tag hört der Regen auf, als wir uns auf den Weg zur Schachtanlage Asse II machen. Nach anfänglichem Suchen des Pfades, der auf dem Kamm des Asse-Höhenzuges entlang führt, genießen wir den Weg durch den wunderschönen Wald. Vor der Schachtanlage angekommen, begrüßt uns Herr Dr. Hensel von der Betreibergesellschaft GSF schon vor dem Tor. Er ist maßgeblich an der Ausarbeitung des Langzeitsicherheitsnachweises beteiligt, der durch die vielen Unbekannten, die bei dieser erstmaligen Erstellung eines solchen Nachweises immer wieder auftauchen, mehrfach verschoben werden musste. Von Beginn der Geschichte der Schachtanlage Asse II bis zu den Problemen bei der Erstellung des Langzeitsicherheitsnachweises werden wir eingehend informiert. Kritische Fragen werden ernst genommen und weitgehend beantwortet. Wir haben den Eindruck, dass uns in Herrn Dr. Hensel ein ernsthafter, in dem gegebenen Rahmen sein Bestes gebender Fachmann gegenübersteht. Ob das reicht, ein atomares Endlager für 150.000 Jahre sicher zu verschließen? Wie weit kann man den Informationen trauen, angesichts der unheilvollen, mit Unwahrheiten gepflasterten Geschichte des atomaren Endlagers Asse II, das immer noch nach Bergrecht statt nach Atomrecht betrieben wird? Die Fahrt untertage ist rasant. Eingepfercht in den Fahrkorb geht es in 460 Meter Tiefe. Mit dem Auto zum Auffangbecken und dem Sammelbecken für die eindringende Salzlauge. Weiter zu der Stelle, an der die 1600 Fässer mit dem mittelradioaktiven Abfällen in die darunter liegende Kammer hinunter gelassen wurden. Durch lange Stollen weiter hinab zum Versuchbereich für hochradioaktive Abfälle. Besichtigung einer Fräsmaschine, mit der die Stollen immer wieder nachgearbeitet werden müssen, da durch den Druck des Deckgebirges das Salz fließt - sehr langsam, aber stetig. In 790 Metern Tiefe besteigen wir wieder den Fahrkorb und sausen dem Tageslicht entgegen. Eine halbe Stunde durch den Wald, und wir stehen an einem drei Tonnen schweren Findling mit der Inschrift „aufpASSEn 2005“ und dem Symbol für Radioaktivität. Direkt am Parkplatz der Asse-Wirtschaft neben einer Informationstafel über den FEMO-Weg durch die Asse ist dieser Findling von der Aktion Atommüllfreie Asse hierher organisiert und beschriftet worden.
Heike aus Remlingen erzählt, dass
die GSF bei der Gemeinde Remlingen angefragt hat, ob ein Interesse an der Übernahme
des denkmalgeschützten Hauses auf dem Schachtgelände besteht. Diese
Information elektrisiert einige von uns, haben wir doch bei einer gemeinsamen
Zukunftswerkstatt von AAA und Feuergruppe die Idee gehabt, in diesem Haus ein
Bildungs- und Bewegungszentrum
einzurichten. Atompfad statt Märchenstraße Samstag, 23. Juli 05 Das Besondere am Atompfad
ist der Blick in die Zukunft, aber es gibt auch eine Parallele zu den Märchenstraßen:
Traum und Realität gestalten sich, werden gestaltet. Fantasie, genährt durch
Mythen, Sagen und das Erleben der Menschen bietet eine Ausrichtung. Es geht um
Bewegung, und nicht um starres Erschrecken. In einem Zeitungsbericht ( ?) ist die Rede von „dem Atompfad“, auf dem wir unterwegs sind. Das klingt nach einer bestehenden Einrichtung und lockt die Lust in mir, diesen Weg so zu gestalten, dass er eine ähnliche Bedeutung hat wie die Märchenstraße, Weinstraße oder auch wie die verschiedenen Pilgerwege. Es gibt Verbindungen zu den historischen Straßen, da, wo wir wichtige Orte aufsuchen, um die Erinnerung daran zu erhalten oder zu beleben. Die Zwischenräume und – orte spielen ebenso eine wichtige Rolle. Denn die AtomGeschichte wird von den Geschichten geschrieben, die zwischen den Menschen, zwischen den Orten und letztlich zwischen dem, was in der Erde und all den Wesen und Menschen geschieht, die sich auf ihr und in ihr bewegen. Das Besondere an dem Atompfad ist, dass er auch in die Tiefe von 800 m führen kann. Inmitten von Salz, jenem lebenserhaltenden Gut befindet sich eine Unsumme von Atommüll – welcher Widersinn. Wir wollen mit dem Atompfad nicht nur an die atomare Bedrohung erinnern, sondern auch daran, dass wir eine Verantwortung für diese Erde und alle, die auf ihr leben empfinden. Wir alle haben die Liebe zu dieser Erde gespürt, und das setzt uns in Bewegung. "Verantwortung ist keine Last die wir auf den Schultern tragen, sondern die Antwort unseres Herzens auf die Situation unserer Welt." Joanna Macy Auf den Wegen des Atompfades werden Castoren transportiert und ebenso gehen dort Menschen, die die Bedrohung beim Namen nennen und aus Sorge um die Zukunft keine Mühe scheuen. Wir gehen in der Tradition der einfachen Wanderer, der Pilger, und all derer, die an-gehen, was so unangenehm ist. Und während des Gehens kommen Gehdanken; im Rhythmus des Schrittes und des Atems nimmt der Blick den Rhythmus der Natur auf, den steten Wandel – und daneben steht jener Zeitraum von Millionen Jahren. Ein erster Gedenkstein erinnert mit aufpASSEn schon an die Not-Wendigkeit der Erinnerung an das, was unter der Erde ist und nicht riecht, und erst in seiner Wirkung spürbar ist. Den Atompfad zu begehen kann eine Einladung sein, sich an einen großen Fehler in der Menschheit zu erinnern und die Folge zu bewachen. Noch ist nicht klar, was daraus alles entstehen kann, eine Hoffnung ist, dass Menschen zusammenkommen, Gemeinschaft bilden Andrea Auf dem Pfad .... .... im Kreis alle Tage Morgens, mittags, abends – wann immer es erforderlich ist, finden wir uns im Kreis und lassen den Sprechstein kreisen. Gefühle, Gedanken, Ängste, Ideen, Wünsche werden in der Gruppe ausgetauscht. Das gibt uns als Gruppe die Möglichkeit, einander wahrzunehmen und auch Differenzen konstruktiv auszutragen. Wir sind unterschiedlich – und diese Unterschiedlichkeit ist ein Reichtum, auch wenn es so manches mal nicht einfach ist, damit umzugehen. Es ist für mich beglückend zu erleben, wie wir so innerhalb der Woche als Gruppe zusammenwachsen. Johannes Auf dem Pfad.... .... nach Helmstedt Samstag, 23. Juli 2005
Nach einer langen und sehr schönen Wanderung durch die Asse, durch Wiesen und Felder bis nach Schöppenstedt steigen wir in den Zug bzw. das Begleitauto und fahren nach Helmstedt. Hier geht alles schief. Am Bahnhof erwartet uns ein Vertreter der Grünen, die örtliche Presse und die Polizei – aber darauf sind wir nicht vorbereitet. Deshalb laufen wir drei Bahnfahrer (die anderen neun sind mit dem Begleitauto gefahren und schon im Naturfreundehaus) an unserem „Empfangskomitee“, unerkannt von beiden Seiten, vorbei. Im Naturfreundehaus angekommen fragt dann die Polizei telefonisch nach, wo wir bleiben. Die Polizei und Presse ziehen unverrichteter Dinge ab. Der Vertreter der Grünen stattet uns noch einen kurzen Besuch im Naturfreundhaus ab. Warum setze ich mich dem Thema Atomtechnik/-müll aus? Seit wann und warum tue ich dies? Was war der entscheidende Grund? Die persönliche Atomgeschichte jedes einzelnen steht am Abend auf dem Programm, und es sind sehr unterschiedliche Wege, die jedeR von uns gegangen ist. Ein sehr persönlicher und intensiver Abend. Auf dem Pfad .... .... der Geschichte Morslebens Sonntag, 24. Juli 2005
Qi
Gong am Morgen, barfuss auf der Wiese, welche Wohltat! Im
Rückblick auf die Gehmeditation entflammt sich, was sonst noch gesagt werden
will. Wir setzen uns auseinander – und nachher wieder zusammen. Gemeinschaft. Die
Unterschiede sind unsere Gemeinsamkeit, darin liegt unser Potential. Nachmittags
jede Menge Information von einem sehr engagierten Mann, Frank Beyer. Andrea Ein freier Tag ist es nicht geworden, sondern ein sehr arbeitsreicher. Vormittags klären wir Unstimmigkeiten die innerhalb der Gruppe entstanden sind. Am Nachmittag erzählt uns dann Falk Beyer von den Greenkids Magdeburg von der Geschichte und dem aktuellen Stand des Endlagers Morsleben. Vier Stunden geballte und sehr gut verständliche Informationen – uns rauchen die Köpfe! Entsetzen, Wut, Fassungslosigkeit Johannes
! Auf dem Pfad .... .... nach Morsleben Montag, 25. Juli 2005
Wir
gehen mit Polizeischutz nach Morsleben. Schutz und Aufmerksamkeit. Die hohen Erwartungen auf die Einfahrt dort lösen sich bei den ersten Schritten in ein Bergwerksmuseum auf. Ich habe mich lange nicht mehr so hingehalten gefühlt. Wir haben die Situation für Fragen genutzt. Andrea
Am nächsten Tag läuft es nicht rund. Der Weg zum Endlager Morsleben ist mehr als doppelt so lang wie erwartet, und aus Zeitgründen laufen wir dann an der Bundesstraße 1 entlang, statt durch den Wald, weil der Waldweg noch länger ist. Begleitet werden wir von freundlichen Polizisten, die mit Blaulicht hinter uns her fahren. Wir kommen trotzdem über eine halbe Stunde zu spät im Informationszentrum an. Uns wird erzählt, dass in anderen Ländern Atommüll leichtsinnigerweise oberirdisch gelagert wird und dass das Endlager Morsleben absolut sicher ist. Dass aller in Deutschland anfallender schwach und mittelradioaktiver Müll in Morsleben eingelagert werden könnte – es ist genug Platz – und es ist sicher. Es würde den Rahmen dieses Berichts sprengen alle Unsinnigkeiten dieses Vortrages hier aufzuführen, aber hier stand uns eindeutig jemand gegenüber, der keine Zweifel an der Sicherheit vom Endlager Morsleben zulässt. Außerdem ist nach ca. 300 Jahren die Aktivität so weit abgeklungen, dass keine Gefahr mehr für die Biosphäre besteht – Punkt. Dann geht es nicht in den Teil der Schachtanlage in dem der Atommüll eingelagert worden ist, sondern zum vier Kilometer entfernt liegenden „Notausgang“ der Anlage, dem Schacht Marie. Hier passiert eigentlich nichts mehr, außer das die Anlage funktionsfähig gehalten wird, um in Notfällen von der Schachtanlage Bartensleben durch die unterirdische Verbindung einen Rettungsweg zu haben. Wir besichtigen ein Bergbaumuseum. Wir fühlen uns verschaukelt und nicht ernst genommen. Weiter geht es nach Salzwedel, wo wir mit den Atomianern verabredet sind und vielleicht eine Aktion stattfinden soll. Sie findet nicht statt, weil uns ein heftiges Gewitter einen Strich durch die Rechnung macht und darüber hinaus auch die Kommunikation zwischen und innerhalb der Gruppen erheblich gestört ist. So kommen wir etwas verwirrt, enttäuscht und zeitversetzt im Tagungshaus in Laase an. Dort erwarten uns liebevoll hergerichtete Räume und ein unübertreffliches Essen. Trost nach allem, was an diesem Tag nicht so war, wie es sein sollte. Johannes Auf dem Pfad .... .... zum Zwischenlager Gorleben Dienstag, 26. Juli 2005
Abends.
Ich sitze am Elbdamm unter einer Trauerweide, Grillen zirpen, ein Tiefflieger übertönt
sie für Sekunden. Hinter mir Menschen auf Rädern, in Autos, zu Fuß. Dort
Pferde, ein Hund eine Katze.
Noch
unter dem Eindruck des Zwischenlagers stehend fehlen mir die Worte. Angesichts
der Castoren war mein erster Gedanke > du betrittst heiligen Boden < Etwas
absurd; was ist denn heilig an dieser Gefahr? Dennoch ahne ich, dass Heilung von
den Orten ausgehen kann, an denen große Fehler begangen wurden. (Für mich ist
die Entwicklung der Atomkraft einer der großen Fehler des letzten
Jahrhunderts).
Wir
müssen die Orte aufsuchen und das sollen wir nicht alleine tun.
Meine
Gedanken sind noch bruchstückhaft, aber ich ahne etwas von der tiefen
Dimension, die darin liegt, uns diesem großen Thema zu stellen. Aber nicht
stehen bleiben, sondern gehen, es angehen, weitergehen, ... den Rhythmus spüren,
die stete Veränderung sehend, den Gedanken nachgehend, dankbar für alle Möglichkeiten
werden sie zu Geh-danken. Andrea
Alles ist sicher. Wir haben alles im Griff. Ein Risiko besteht nur, wenn ein Krieg ausbricht oder ähnliches. Das Problem sind mehr die Politiker, die Angst haben vor Entscheidungen, die in der Bevölkerung auf Widerstand stoßen. Ein Film mit dem Titel „Sicherheit in jedem Fall“ zeigt zahlreiche Versuche, Behälter zu zerstören. Es sind meist ältere Aufnahmen, es sind Aufnahmen aus Amerika, die keinen erkennbaren Bezug zum Castor haben. Es ist aber ein Werbefilm für den Castor. Ohne dass es gesagt wird, entsteht der Eindruck, dass alle diese Tests mit dem Castor durchgeführt wurden. „...der Behälter ist dicht!“ Dieser Satz wird wie ein Mantra immer wiederholt. Manipulationsversuch der unfeinen Sorte, denn das gesamte Sicherheitskonzepts des Zwischenlagers beruht auf der Sicherheit der Castorbehälter. Es ist bedrückend sich vorzustellen, wie diese als Informationsveranstaltung getarnte Werbemaßnahme auf Menschen wirken muss, die nicht selbst kritisch hinterfragen und nicht auch kritische Stimmen hören. Es ist ein in sich geschlossenes Gedankengebäude, das keine Zweifel zulässt und das davon ausgeht, dass eine zwei- oder dreifache Sicherung ausreicht, um einen Unfall zu verhindern. Der gestellte Anspruch ist sehr hoch und weltweit vermutlich der höchste, aber es ist trotzdem logisch, dass ein Unfall nicht auszuschließen ist. Die Folgen eines solchen Unfalls werden nicht benannt und ignoriert, weil die Wahrscheinlichkeit so klein ist. Wohin solche Berechnung von Wahrscheinlichkeiten führen kann, hat schon Tschernobyl gezeigt. Es ist frustrierend und lehrreich, eine solche Veranstaltung zu erleben, und es zeigt in aller Deutlichkeit, wie weit der Weg zu einem tatsächlichen Ausstieg noch ist. Solange es noch Experten gibt, die behaupten, dass diese Technik beherrschbar ist, sind wir noch weit davon entfernt. Am Abend haben wir Besuch von der BI Lüchow-Dannenberg und den Atomianern. Wir können Radioaktivität nicht wahrnehmen, und deshalb fällt es uns schwer, uns die Gefahr zu vergegenwärtigen. Hilfreich ist deshalb der Austausch untereinander, um sich der Gefahr bewusst zu bleiben. Die Geschichte von Gorleben kennen wir zum großen Teil, aber vor dem Hintergrund unserer Reise erscheint sie uns absurder denn je. Als würde es die Erfahrung von den Schachtanlagen Asse II und Morsleben nicht geben, wird in Gorleben ein Endlager in einen Salzstock gebaut, der geologisch ungeeignet ist, obwohl kritische Stimmen fast von Anfang an darauf hingewiesen haben. Über 1.400.000.000€ sind inzwischen verbaut worden, und so ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass versucht wird, das Endlager aus Kostengründen trotz der Nichteignung hier durchzusetzen. Priester als Wächter des Atommülls? Sowohl die Atomianer als auch die Feuergruppe haben ihren Ursprung in dieser Idee, auch wenn sie sie sehr unterschiedlich weiterentwickelt haben. Nach einem kurzen Austausch planen wir eine gemeinsame Aktion für den nächsten Tag im Zentrum von Lüchow. Johannes Auf dem Pfad .... .... nach Lüchow Mittwoch, 27. Juli 2005
Letzter
Tag, ich gehe gedanklich zurück, ziehe kleine Bilanzen, eine davon: Dagmar
hat gestern bei dem Vortrag vor dem Besuch im Zwischenlager Gorleben die geniale
Frage gestellt: „Wie erklären Sie sich den Widerstand?“ Die
Frage ist nicht provokativ oder manipulativ, sondern aus einem Nichtwissen
heraus gestellt. Ich möchte Fragen lernen. Wie
ist die friedliche Nutzung der Frage möglich?
Bevor
wir uns verabschieden, treten wir noch einmal als PestklopferInnen auf und
werden dabei von den Atomianern unterstützt, sie treten auch auf. Viele
Menschen reagieren abweisend. Ist die Bedrohung zu nah, um daran erinnert zu
werden? Haben
wir leicht Reden, wo wir weit weg davon sind?
Abschied
– doch die Verbindung bleibt. Ich
fahre mit vielen Fragen nach Hause, dankbar, aufgewühlt, angeregt – und ein
wenig müde. Koffer packen – ein Hauch von Abschied begleitet diesen Morgen, doch dann geht’s erst noch auf nach Lüchow. Unterwegs wird schon kräftig geschminkt und vor Ort die Gewänder angelegt. Als PestklopferInnen
Weil hier nicht viel Platz ist, verläuft die Aktion quer über die Bundesstraße, die dadurch kurzzeitig blockiert ist. Flugblätter verteilen, und dann ziehen die Pestklopfer nochmals eine kurze Runde über den Marktplatz, bevor Bänkelsänger Klaus und seine Assistentin Gerta das Lied vom großen Vergessen als Abschluss vortragen. Dann ist er da – der Abschied. Erst von den Atomianern mit einem herzlichen Dankeschön und dem Wunsch, bald wieder etwas gemeinsam zu machen. Dann stehen wir ein letztes Mal auf diesem Atompfad im Kreis und nehmen Abschied voneinander. Der Pfad.... .... ein Stein im großen Mosaik des Widerstandes. .... die Suche nach einem Weg des Protestes und der Ermutigung. JedeR kann etwas tun. .... eine kostbare Woche des Zusammenseins .... eine Quelle der Ideen .... eine Möglichkeit der Konzentration auf das nicht Wahrnehmbare .... eine Möglichkeit der Horizonterweiterung durch persönliche Erfahrung Johannes
...
und weiter auf dem Pfad ... ...
das kann zum Beispiel heißen, dass wir als Feuergruppe unsere regelmäßigen
Treffen immer an einem der vier Endlagerstandorte durchführen. Je einmal im
Jahr in der Nähe von Schacht Konrad, Asse II, Morsleben und Gorleben zu sein, würde
uns stärker als bisher auf unser ureigenes Thema, den Atom-Müll, zentrieren, würde
uns das, was eigentlich sinnlich nicht erfahrbar ist, stärker ins Bewusstsein rücken,
würde einen kontinuierlichen Kontakt zu den Initiativen vor Ort erleichtern, so
wie es jetzt schon mehrere Jahre mit der AAA der Fall ist. Der Atompfad nicht
als Ausnahmesituation, sondern als grundlegende Struktur für unsere Gruppe und
als gelebter Alltag. ...
das kann auch heißen, noch mehr dazu zu stehen, WIE wir unterwegs sind. Tiefenökologische
Übungen über die regelmäßige Steinrunde hinaus nicht nur als selbstverständlicher
Bestandteil unserer Treffen, sondern auch als Angebot für die Gruppen vor Ort.
Sind wir dafür fit? Wollen wir Norbert (oder jemand anders) bitten, mit uns über
mehrere Treffen ein Training zu machen, möglichst gezielt auf unser Thema
bezogen? ...
das kann bedeuten, eine zeitlich konzentrierte Auseinandersetzung mit dem Thema
wie in diesem Jahr regelmäßig zu wiederholen, vielleicht alle zwei oder drei
Jahre. Für die, die regelmäßig mitgehen, als Erinnerung und Vertiefung –
aber es ist ja sowieso jedes Mal anders -, für Neue als Einstieg ins Thema und
erste intensive Information, für die Gruppen vor Ort als Anlass für öffentliche
Aktionen. Was
müsste anders sein als in diesem Jahr? -
Die
Zeit war zu knapp, sinnvoll ist wahrscheinlich, über einen Zeitraum von 10 –
14 Tagen zu planen. Dann könnten wir uns mehr Ruhe dafür nehmen, uns vorher zu
informieren und nachher die Informationen zu verarbeiten und uns dem zu stellen,
was sie für uns bedeuten und was sie bei uns auslösen. -
Am
Schacht Konrad hatten wir keine Einfahrt, keine Information von den Betreibern,
und waren insgesamt am Ort des Geschehens nicht dicht genug dran. -
In
Gorleben ist für unser Thema das „Erkundungs“-Bergwerk für das geplante
Endlager wichtiger als das Zwischenlager, das wir diesmal gesehen haben. Am
besten wäre natürlich, beides zu sehen – zum Thema Zeit s.o. -
Um
der professionellen Selbstdarstellung der Betreiber nicht so ausgeliefert zu
sein – mit dem Gefühl, da stimmt doch was nicht, mit der Tendenz, die Öffentlichkeitsarbeiter
als Menschen nicht ernst zu nehmen, mit einer daraus resultierenden leicht
aggressiven Haltung und der Unfähigkeit zuzuhören – ist es sinnvoll, dass
wir uns vorher überlegen, was wir in diesen (Des-)Informations-Gesprächen
eigentlich wollen. Diese Klarheit kann uns helfen, uns nicht auf Nebenschauplätze
führen zu lassen. Einfache Fragen mit Widerhaken (wie zum Beispiel die von
Dagmar: Wie erklären Sie sich den Widerstand?) können das übliche
Kommunikationsmuster ins Wackeln bringen. -
Organisatorisches:
am Anfang klarmachen, dass die Feuergruppe kein Reiseveranstalter ist, sondern
jedeR für Organisation und Gruppenprozess Verantwortung übernehmen muss.
Aufgaben verteilen: für Getränke sorgen, Flugblätter im Blick haben,
Finanzen, usw. (was noch?)
3.
Aug. 2005 ... Meine Gedanken gehen immer wieder zum Atompfad und ich bin dankbar für alle Entwicklung darin, also müsste es „GehDanken“ heißen. Ich sammele Ideen, Fragen und Impulse für den nächsten Atompfad – aber auch darüber hinaus. Ich
lese gerade ein sehr interessantes Buch von dem Begründer der
Peacemakergemeinschaft, Bernard Glassman. Er beschreibt anhand eines
Auschwitz-Retreats, wie Juden, Christen, Buddhisten und Muslime sich an diesem
Ort treffen, meditieren und die Namen der Toten lesen. Die Erinnerung an die
grausamen Taten sind schrecklich – und doch liegt genau darin, sich dem
auszusetzen, auch Heilungspotenzial. Er spricht davon, Zeugnis abzulegen, d.h.
seine Geschichte und sein Empfinden mitzuteilen. Das tun wir in unseren Runden
auch, und wir sollten uns noch mehr Zeit dafür nehmen. Das schafft Vertiefung.
In diesem Mit-Teilen wird deutlich, dass die Unterschiede das Gemeinsame
darstellen. Es kann nicht darum gehen, möglichst gleiche Leute
zusammenzubringen. Ein
anderer Gedanke ist, dass es an den Konzentrationslagern von damals inzwischen
Communitäten gibt. Da haben sich Menschen zur Aufgabe gemacht, die Erinnerung
wachzuhalten und zu meditieren – auch für die Seelen der Toten. Findest
Du die Idee abgedreht, wenn ich davon ableitend das Haus in der Asse nutzen
will, eben zu erinnern, wach zu halten, zu hüten ... und was sonst noch zu tun
und zu lassen ist? Darüber möchte ich gern noch sinnieren.
4.
Aug. 2005 Nun lese ich in einem Extraheft von Publik-Forum über die verschiedenen Pilgerwege auf der Welt. Da können wir uns nicht so einfach einreihen, denn unserem Ziel ist die Heiligkeit nicht so leicht anzuerkennen. Den Atompfad zu beschreiben, braucht noch viel Überlegung – oder Erfahrung, Ergehung. Vielleicht wird uns mehr bewusst, wenn wir ihn wieder gehen. Ich ahne jetzt, wie sinn-voll es gewesen wäre, die Wege vorher abzugehen, nicht nur wegen der Zeit, auch wegen der Eindrücke. ... Andrea
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